Praxis Dr. med. Lukas Eberle

halsnasenohrenarzt.ch

Interview Entwicklungshilfe in Nepal (Neue Schwyzer Zeitung)

“Zum Schluss ist man ausgepowert”

Hals-Nasen-Ohren-Arzt Lukas Eberle fliegt bald wieder nach Nepal, um Entwicklungshilfe zu leisten. “Wir operieren auf einer Fläche, die so gross wie ein Würfel ist”, sagt er.

Interview mit Andrea Schelbert, Schwyzer Zeitung

Lukas Eberle, Sie fliegen am 22. November nach Pokhara. Mit welchen Gefühlen reisen Sie nach Nepal?
Ich freue mich jedes Mal riesig. Die Arbeit ist für mich sehr erfüllend und sinnvoll. Ich treffe bei solchen Einsätzen viele interessante Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Dadurch, dass ich diese Entwicklungshilfe seit 1997 mache, ist natürlich auch eine gewisse Routine da. Ich freue mich dieses Mal besonders, weil wir mit dem Bau der geplanten Spezialklinik in Pokhara vor einem Neuanfang mit vielen Herausforderungen stehen.

Wie viel Kilo Gepäck haben Sie dabei?
Unsere Gruppe von 9 Personen wird insgesamt 270 bis 300 Kilo Gepäck mitnehmen. Es ist nicht so, dass wir Hilfsgüter nach Nepal transportieren. Wir bringen vor allem Instrumente, Hörgeräte und Ohrimplantate nach Nepal mit.

Welche Geschenke haben Sie dabei?
Ich werde viel Schokolade, Basler Leckerli, Willisauer Ringli, Fotografien von unserer schönen Gegend und für jeden unserer nepalesischen Mitarbeiter ein Victorinox-Sackmesser mitnehmen.

Wie viele Stunden dauert der Weg von Brunnen bis zum Einsatzort?
Dieses Mal ist der Weg kürzer als üblich, da wir den Einsatz bewusst in der Stadt Pokhara, wo das Spital gebaut wird, durchführen werden. Dort werden wir auch einige Geschäftssitzungen abhalten. Wir benötigen insgesamt zwei Tage bis nach Pokhara. Wir richten uns in der dortigen Lepraklinik oder im Nebengebäude ein.

Bevor die Ärztegruppe eine entlegene Region aufsucht, werden die Einheimischen in Nepal über Radio und durch lokale Helfer auf das medizinische Angebot hingewiesen. Wie verläuft eine solche Informationskampagne?
Nebst gezielten Durchsagen via Radio werden auch Flugblätter verteilt. In jedem Dorf hat es eine Apotheke oder einen Gesundheitsposten. Die Mitarbeiter dort sind über unsere Einsätze informiert und geben diese Informationen an die Patienten weiter.

Wie vielen Menschen wird das Team während der elf Tage helfen?
Normalerweise sind es rund 1500 Patienten, denen wir helfen können.

Was ist die grösste Herausforderung bei solchen Operationen vor Ort?
Mit einfachen technischen Hilfsmitteln qualitativ hochstehende Operationsergebnisse zu erzielen, ist die grösste Herausforderung. Wir bieten in Nepal absolute Hightech-Chirurgie an. Das Spezielle daran ist, dass man im Ohr an einem Ort operiert, wo rundherum schützenswerte anatomische Strukturen vorhanden sind. Wir operieren auf einer Fläche, die so gross wie ein Würfel ist. Ein Trommelfell entspricht von der Grösse her dem Fingernagel des kleinen Fingers, die Gehörknochen sind so gross wie ein Stecknadelkopf. Gesichtsnerv, Gleichgewichtsorgan, Geschmacksnerv, Haupthirnarterie und Haupthirnvene dürfen nicht beschädigt werden. Wenn wir nur wenige Millimeter zu weit links oder rechts operieren, kann das verheerende gesundheitliche Folgen haben. Das ist auch der Grund, warum weltweit nur sehr erfahrene Ärzte solche Einsätze machen.

Haben die Menschen in Nepal Angst vor den Eingriffen?
Das kommt selten vor. Sie sehen solche Behandlungen als Chance an, die es zu packen gilt. Ihnen ist klar, dass da jemand vor Ort ist, der helfen kann. Wenn wir das nicht machen, bekommen sie meistens keine Hilfe mehr. Wir waren schon an Orten und in Regionen, wo noch gar nie ein Ohrenspezialist vor Ort war.

Sie und das Team arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag. Wie fühlen Sie sich nach solchen Einsätzen?
Befriedigt, glücklich und müde. Es ist wirklich so, dass man am Schluss jeweils ausgepowert ist. Man ist voll von neuen Eindrücken, die lange nachwirken. Es ist immer ein sehr guter Gruppengeist vorhanden. Es ist ähnlich wie ein Pfadilager: Man hat viel Zeit zusammen verbracht und gemeinsam etwas erreicht. Das führt zu einem Gefühl des Stolzes und der Zufriedenheit. Wir verlassen Nepal mit dem Gefühl, Sinnvolles geleistet zu haben.

Was motiviert Sie, sich für diese Menschen einzusetzen?
Ich verspürte schon immer den Wunsch, Entwicklungshilfe zu leisten. Die Umsetzung ist aber nicht so einfach. Es sind verschiedene Umstände die dazu geführt haben, dass ich hier hineinrutschte. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe. Es ist eine extrem effiziente Entwicklungshilfe auf sehr hohem Niveau. Ich habe das Gefühl, dass wir mit wenig finanziellen Mitteln das Maximum herausholen können.

Welche Begegnung in Nepal werden Sie nie vergessen?
Die Begegnung mit dem jungen Mann, der wegen seiner stinkenden Ohrinfektion von der Familie und von der Dorfgemeinschaft ausgestossen und zum Bettler wurde. Wir konnten ihm mit der Operation wenigstens sein Leben retten, die einseitige Gesichtslähmung, Taubheit und Blindheit aber sind geblieben. Das war sehr eindrücklich und berührend.

Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Was können wir Schweizer von den Menschen in Nepal lernen?
Dass die Gesundheit ein Privileg ist. Wenn man in Nepal krank ist, kann das zu ganz schlimmen Situationen führen. Je nachdem, wo man lebt, bekommt man keine Hilfe. Viele Menschen leben in Armut und sind teilweise krank. Irgendwie ertragen sie ihr Schicksal aber mit einer Gelassenheit, die bewundernswert ist. Sie strahlen trotz ihrer Situation viel Zufriedenheit aus. Auch den Familienzusammenhalt in Nepal finde ich beeindruckend. Schön finde ich zudem, dass die ältere Generation bei den jungen Menschen sehr grossen Respekt geniesst.

Tut die Schweiz als reicher Staat Ihrer Meinung nach genügend für benachteiligte Menschen im Ausland?
Meine Kollegen aus England, die das ganze Projekt ins Leben gerufen haben und leiten, sind absolut beeindruckt von der breitflächigen Bereitschaft zur grosszügigen Unterstützung der Schwyzer und Schweizer Bevölkerung. Sie meinen, das sei in unseren Genen. Es ist sensationell, wie viel spontane und freiwillige Unterstützung wir in der Schweiz bekommen. Ich erlebe sehr viel Herzlichkeit und positive Begegnungen.

Wie viel Geld fehlt noch für die geplante Spezialklinik in Pokhara?
Ursprünglich habe ich ja immer von einer Ohrenklinik für 1 Million Franken gesprochen. Die seither horrend gestiegenen Kosten für Stahl und Zement in Nepal haben uns aber leider einen Strich durch die Rechnung gemacht, 1,5 Millionen sind realistisch. Wir müssen sobald wie möglich mit dem Bau beginnen, billiger wird es in Zukunft nicht.

Die Stiftung Ohrchirurgie Nepal wurde heuer von der Alois­und­Jeanne­Jurt­Stiftung mit einem Preis ausgezeichnet. War dieser Preis bei der Suche nach Spendengeldern hilfreich?
Auf jeden Fall! Abgesehen vom Preisgeld von 25′000 Franken entstand dabei ein für unser Projekt äusserst günstiger Schneeballeffekt, sodass wir an der Preisverleihung dank Unterstützung von Schülern, dem Kloster Ingenbohl und grosszügigen Spendern rund 40′000 Franken Spenden bekommen haben. Das Projekt ist dank dieser Auszeichnung bekannter geworden.

Hinweis
Der Brunner Lukas Eberle (52) reist seit 1999 im Auftrag der international nepal Fellowship (INF) jedes zweite Jahr nach Nepal, um dort Patienten gratis zu behandeln. 2007 gründete Lukas Eberle die Stiftung Ohrchirurgie Nepal. Diese kümmert sich unter anderem um die Finanzierung der geplanten Spezialklinik für Ohrkranke in der Stadt Pokhara in Nepal. Mit dem Bau der Klinik soll 2014 begonnen werden (Bauzeit 2 Jahre). Die Baukosten für die gesamte Klinik betragen 1,5 Millionen Franken. Lukas Eberle ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Söhne. Er lebt zusammen mit seiner Familie in Brunnen. Weitere Informationen unter www.ear-for-nepal.org oder www.halsnasenohrenarzt.ch.

Quelle: Neue Schwyzer Zeitung, Ausgabe vom 9. November 2013, Seite 23