Praxis Dr. med. Lukas Eberle

halsnasenohrenarzt.ch

Medienbericht Übergewicht (Bote der Urschweiz)

«Fakt ist, dass jede Kalorie zählt»
40 Prozent der Schweizer sind zu dick. Laut Übergewichtsspezialist Fritz Horber wird sich an diesem Wert von allein nicht viel ändern. Von «Frauenheftlidiäten» hält der Pfäffiker gar nichts. Wenn die Gesellschaft langfristig abspecken soll, «braucht es staatliche Massnahmen», ist er überzeugt.

Mit Fritz Horber
sprach Rahel Schiendorfer

Sie sind über die Landesgrenzen hinaus bekannt als Spezialist für Übergewichtsfragen. Hand aufs Herz: Schlagen Sie auch manchmal über die Stränge?
Sehr selten. Aber wenn sich die Familie über die Festtage trifft, gut isst und wir zusammen ein Glas Wein trinken, dann halte ich mit. Danach schaue ich aber sofort wieder detailliert auf meine Ernährung, die sehr ausgewogen ist. Entgegen vieler Theorien versuche ich auch, nur einmal am Tag zu essen, und zwar abends. Es gibt gute Hinweise darauf, dass einmal am Tag essen für das, was wir pro Tag an körperlicher Aktivität leisten müssen, genug Energie ist. Bei fünfmal essen pro Tag hat man zudem fünfmal die Möglichkeit, zu viel zu essen.

Was kommt bei Ihnen üblicherweise auf den Tisch?
Gemüse und Fleisch oder Fisch, aber grundsätzlich wenig Kohlehydrate. Auswärts mal Spaghetti oder ein Glace zu essen, ist schon in Ordnung. Aber solche «Exzesse» dürfen nicht zur Gewohnheit werden. Fakt ist, dass jede Kalorie zählt.

Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit der Entstehung und der Behandlung von Übergewicht. Was fasziniert Sie so an dieser Thematik?
Mein Vater war stark übergewichtig und hat mir meine Jugend schwer gemacht, weil er während seiner Abmagerungskuren manchmal ziemlich hässig war. Ich habe mir damals geschworen, irgendwann einmal zu lernen, wie man erstens abnimmt und zweitens sein Gewicht halten kann. Das ist eine hochspannende Thematik, denn wer warum übergewichtig wird, ist nach wie vor nicht geklärt. Die Übergewichtsproblematik hat nämlich nicht nur mit zu viel Ernährung und zu wenig Bewegung, also mit Kalorieneinnahme und Verbrauch, zu tun. Lassen Sie mich ein Beispiel zitieren: Was ist der Unterschied zwischen Kindern, die sich am Buffet Hamburger nehmen, und solchen, die Salat und Gemüse ansteuern? Bei Letzteren konnte man nachweisen, dass sie im Vergleich zu den anderen eine Veränderung in ihrer genetischen Struktur aufweisen. Zudem weiss man, dass Übergewichtige häufig beim Essen weniger Sättigungshormone produzieren. Das führt dazu, dass diese Patienten nicht rechtzeitig gesättigt sind.

Wo ein Wille ist, ist also nicht immer ein Weg?
Das ist so. Der Wille, abzunehmen, ist bei vielen Übergewichtigen sehr stark. Es ist aber halt nicht wie beim Rauchen, wo man vom einen auf den anderen Tag aufhören kann. Man kann nicht einfach aufhören zu essen. Zudem haben wir an unseren Lippen keinen Kalorienzähler, der bei 1400 Kalorien sagt: Jetzt reichts. Und 50 überflüssige Kalorien pro Tag für zehn Jahre, also etwa ein Sechstel Cervelat, drei Guetzli oder eine halbe Salatgurke, führen zu 20 zusätzlichen Kilos.

Sie waren selbst einmal übergewichtig. Wie kam das?
Das stimmt. Angefangen hat das nach einem Beinbruch. Meine Mutter hat mich im Spitalbett mit Guezli «gefüttert», und die Bewegung fehlte. Diese Kombination war verheerend. Seither habe ich mit dem Gewicht zu kämpfen, wohl auch deswegen, weil ich väterlicherseits vom Gewicht her genetisch stark belastet bin. Mein Vater war über 120 kg schwer.

Wie oft machen Sie Sport?
Etwa dreimal pro Woche. Das muss nicht unbedingt Joggen sein, schnelles Gehen reicht.Und ich lasse kaum eine Treppe aus. Wenn man das Gewicht halten will, sind 200 Minuten sportliche Aktivität pro Woche nötig oder 11000 Schritte täglich, zum Beispiel gemessen mit einem überall erhältlichen Schrittzähler. Der Durchschnittsschweizer macht jedoch nur rund 5000 Schritte am Tag. Bereits eine tiefe Raumtemperatur kann aber schon eine Hilfe beim Abnehmen beziehungsweise Halten des Gewichts sein. Bei uns im Haus ist es etwa 18 Grad kühl, im Schlafzimmer noch kälter. Einer der Gründe, warum die westliche Bevölkerung immer mehr zunimmt, ist, dass sie sich in übermässig gewärmten Häusern «mästet» wie die Hühner. Wenn man im geheizten Raum im T-Shirt sitzt, verbraucht man weniger Energie, um die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, als wenn man mit Pullover in einem ungeheizten Raum sitzt und Eisblumen an den Fenstern sieht. Vor 50 Jahren war das bei meiner Grossmutter noch so.

Sie sind Mitgründer des Kompetenzzentrums für Adipositas und Stoffwechsel im Zürcher Seefeld, wo seit November Patienten empfangen werden. Was wird dort alles gemacht?
Wir machen unter anderem Stoffwechselabklärungen für Übergewichtige, behandeln Patienten mit wenig oder sehr viel Übergewicht sowie Übergewichtige mit Zuckerkrankheit, machen Vorabklärungen für Übergewichtsoperationen und garantieren eine langfristige Nachbetreuung. Unter anderem arbeiten wir für die Operationen auch mit dem Spital Lachen zusammen. Unser Operateur Professor Thomas Frick, Leiter der Übergewichtschirurgie am Kantonsspital St. Gallen, hat über 2000 Übergewichtsoperationen durchgeführt. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass man ohne Operation nicht mehr als zehn Prozent seines Gewichts langfristig abnehmen kann, mit welcher Methode auch immer. Deshalb sollte man schon dann ärztlichen Rat suchen, wenn man merkt, dass das Übergewicht am entstehen ist. Verhindern von Übergewicht ist viel einfacher, als angegessenes Gewicht wieder loszuwerden.

Aktuell sind 40 Prozent aller erwachsenen Schweizer zu dick. Wie wird sich dieser Wert weiterentwickeln?
Er wird noch leicht ansteigen. Die, die im Erwachsenenalter übergewichtig werden, sind die bereits jetzt übergewichtigen Kinder.
Sie würden es wohl befürworten, wenn an Schulen mehr Sport getrieben würde.
Ja, mindestens 200 Minuten pro Woche. Daneben sollten die Kinder aber auch lernen, was sie genau essen und was die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht sind. Das könnte man ihnen in einem zusätzlichen Unterrichtsfach beibringen. Ob die Lehrer an einem zusätzlichen Fach Freude hätten, bleibt abzuwarten. Nötig wäre es allemal.

Welche Lebensmittel gehören Ihrer Meinung nach verboten?
Red Bull und alle anderen Süssgetränke inklusive Orangensaft. Diese Getränke sind eine eigentliche Katastrophe für den Körper und die Volksgesundheit. Auch frisch gepresste Fruchtsäfte enthalten sehr viel Zucker und sind alles andere als gut für die Linie. Zero- oder Lightgetränke hingegen sind nach aktuellem Wissensstand in Ordnung.

Die Kosten von Übergewicht und dessen Folgekrankheiten haben sich zwischen 2004 und 2009 von 2648 Mio. auf 5755 Mio. Franken pro Jahr verdoppelt. Liegt das daran, dass heute jeder gleich ein Magenband verpasst bekommt?
Nein. Die Zunahme geht damit einher, dass die Anzahl Übergewichtiger einerseits zunimmt und diese häufiger behandelt werden und andererseits auch die Zusatzkrankheiten von Übergewicht behandelt werden müssen, wie Zuckerkrankheit, hoher Blutdruck, Schlafapnoe oder Gelenkarthrosen. Die operativen Eingriffe machen nur etwa ein Prozent dieser Kosten aus. Im Endeffekt tun die Patienten, die sich operieren lassen, dem Gesundheitswesen etwas Gutes. Sie kosten die Krankenkasse am Anfang zwar mehr, aber danach immer weniger.

Wann ist Übergewicht lebensbedrohlich?
Wenn es etwa zu Diabetes, Herzkrankheiten oder auch Krebs führt. Deshalb ist Prävention bei Übergewicht so wichtig. Wenn jemand bemerkt, dass viele Mitglieder der Familie übergewichtig sind und auch er oder sie einen BMI von über 25 und einen Bauchumfang von über 88 Zentimeter hat, dann sollte er oder sie zum Arzt gehen. Aber es gibt auch Leute mit BMI 29, die gesund sind und sich wohlfühlen, aber von der Gesellschaft halt als übergewichtig wahrgenommen werden. Abnehmen sollten diejenigen, die körperlich oder seelisch unter ihrem Gewicht leiden.

In Frauenzeitschriften wimmelt es von Diätvorschlägen. Welche hilft beim Abnehmen wirklich?
Wir haben das mal genau angeschaut und sind zum Schluss gekommen, dass man die «Frauenheftlidiäten» komplett vergessen sollte. Eine Diät ist grundsätzlich ein Fehler, weil sie irgendwann aufhört. Danach macht man wieder das Gleiche wie vorher und nimmt wieder zu. Eine lebenslange Ernährungsumstellung, zum Beispiel durchWeglassen der Süssgetränke, ist ein gangbarer Weg.

Wie dick ist die Schweiz überhaupt im internationalen Vergleich?
Etwa halb so dick wie Amerika. In Teilen Floridas sind 80 Prozent der Menschen übergewichtig. Die schwersten Europäer sind die Finnen, Schotten, Engländer und Ostdeutschen. Die dicksten Kinder leben in Frankreich. 40 Prozent Übergewichtige in der Schweiz sind aber auch schon zu viel. 1960 war es nur ein Prozent.

Was sind die Gründe für diesen krassen Anstieg?
Damals ist man auch einen weiten Schulweg noch zu Fuss gegangen. Früher sah man im Winter noch Eisblumen an den Fenstern und trug im Haus dementsprechend noch einen Pulli, nicht wie heute nur ein T-Shirt. Und grundsätzlich wurde weniger energiedicht gegessen. Meine Meinung ist klar: Um den Wert von 40 Prozent zu senken, braucht es staatliche Massnahmen, sonst wird es nicht funktionieren.

Es gibt vom Bund ja bereits das Nationale Programm Ernährung und Bewegung NPEB. Was für Massnahmen sieht dieses vor?
Fragen Sie mal die Menschen auf der Strasse, was in diesem Programm steht. Niemand kennt das. Nur predigen und irgendetwas propagieren reicht beim Übergewicht nicht. Das machen wir seit 50 Jahren. Was ist passiert? Die Welt ist jetzt doppelt so schwer wie vor 50 Jahren. Wenn man etwas in der Gesellschaft bezüglich Übergewicht ändern will, muss mans übers Portemonnaie machen.

Zum Beispiel?
Etwas übertrieben formuliert: Man müsste seine Schritte von den Steuern abziehen können. Wenn es sich finanziell lohnt, von Pfäffikon nach Feusisberg zu laufen, würden das sicher mehr Leute machen. Oder man muss die Cremeschnitte für 17 Franken verkaufen. Wenn gleichzeitig das Rüebli vier Rappen kostet, überlegt man zweimal, ob man eine Cremeschnitte kauft. Dasselbe gilt für Cola, Red Bull oder Orangensaft. Wenn Sie einmal täglich einen Softdrink trinken, nimmt die Chance, dass Sie an Diabetes erkranken, um das Doppelte zu. Bei zwei Softdrinks haben Sie dreimal so viele Gichtanfälle. Diese Krankheiten müssten gegenfinanziert werden, indem die Auslöser mit zusätzlichen Kosten belegt werden.

Fritz Horber
Nach dem Medizinstudium an der Uni Bern hat sich Fritz Horber in Amerika an der Mayo Clinic in den Gebieten Stoffwechsel und Übergewicht weitergebildet. Zurück in der Schweiz, hat er unter anderem die Abteilung für Innere Medizin und das Stoffwechselzentrum an der Hirslandenklinik sowie das Adipositaszentrum und den Notfall in der Winterthurer Lindbergklinik aufgebaut. Heute ist der 59-Jährige Chefarzt Innere Medizin und Ärztlicher Leiter am Liechtensteinischen Landesspital, Mitgründer des Kompetenzzentrums Adipositas und Stoffwechsel in Zürich. Seit drei Jahren lebt er in Pfäffikon. Seine Hobbys sind Klavier- und Orgelspielen, seine Leibspeise Dampfnudeln.

Quelle: Bote der Urschweiz, Ausgabe vom 12. Januar 2013, Seite 9